Am Feierabend verabschiedete sich Katrin von ihrem Chef Thomas mit einem freundlichen „Bis morgen, schönen Abend noch!“ und verließ das Geschäft. Thomas ging zur Tür, um abzuschließen, und warf einen Blick hinter ihr her. Normalerweise war Katrin ihm nie als mehr als eine hervorragende Mitarbeiterin aufgefallen. Sie kleidete sich stets konservativ – meist Jeans und weite Oberteile, die ihre schlanke Figur verbargen. Ihre blonden Haare trug sie immer zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden, und ihr dezentes Make-up unterstrich ihre seriöse, professionelle Ausstrahlung. Die Kunden schätzten ihre freundliche, hilfsbereite Art, und Thomas verließ sich auf ihre Kompetenz.
Doch in den letzten Tagen hatte Thomas eine Veränderung bemerkt – ob bei Katrin oder in seiner eigenen Wahrnehmung, konnte er nicht genau sagen. Thomas, 30, führte ein exklusives Schuhgeschäft mit hochpreisigen Marken, das er vor acht Jahren von seinen Eltern übernommen und in ein Edelschuhhaus verwandelt hatte. Das Geschäft florierte, und er konnte seiner Partnerin Laura einen gewissen Luxus bieten. Doch die Beziehung zu Laura, mit der er seit sechs Jahren zusammenlebte, hatte sich verändert. Sie ging immer häufiger allein aus, war oft müde und die Gespräche zwischen ihnen wurden immer kürzer. Thomas spürte, dass ihre Beziehung auseinanderdriftete, und seltsamerweise empfand er darüber keine große Traurigkeit. Sein Geschäft war sein Lebensmittelpunkt, während Laura mehr Freiheit suchte.
Katrin hatte Thomas kurz nach der Umgestaltung des Geschäfts eingestellt. Mit ihren hervorragenden Referenzen und ihrer natürlichen Ausstrahlung war die 28-Jährige, die aus einer Schuhhändlerfamilie stammte, eine Bereicherung. Sie war energiegeladen, redegewandt und verstand es, die betuchte Kundschaft zu begeistern. Dennoch sprachen sie selten über Privates. Als Thomas Katrin an diesem Abend nachsah, fragte er sich, ob sie wohl einen Partner hatte. Er stellte sich vor, wie sie in figurbetonter Kleidung aussehen könnte, und bemerkte, dass seine Gedanken eine neue Richtung einschlugen. Als sie sich zum Geschäft umdrehte, trat er schnell vom Fenster zurück, um nicht den Eindruck zu erwecken, sie zu beobachten.
In den folgenden Tagen ertappte sich Thomas dabei, Katrin genauer zu betrachten. Es war nicht ihre Arbeit, die er überprüfte – die war tadellos –, sondern ihre Bewegungen, ihre Art, sich zu präsentieren. Er hatte das Gefühl, dass sie sich in letzter Zeit anders verhielt: Ihre Gesten wirkten selbstbewusster, fast spielerisch, besonders wenn keine Kunden im Laden waren. Doch er traute sich nicht, sie darauf anzusprechen – es wäre ihm peinlich gewesen. Eines Tages trug Katrin eine enger geschnittene Stoffhose, die ihre Figur betonte, und ein Poloshirt, das weniger verhüllend war als sonst. Thomas war überrascht, wie sehr ihn dieser Wandel beschäftigte. Seine Gedanken schweiften immer wieder zu ihr, während seine Beziehung zu Laura weiter abkühlte. Laura war in letzter Zeit mehrmals über Nacht weggeblieben, ohne ihn vorher zu informieren, und hatte nur vage Ausreden. Thomas spürte, dass ihre Trennung nur eine Frage der Zeit war.
Eines Morgens kam Katrin in einer auffallend eleganten Aufmachung zur Arbeit: ein kurzer Faltenrock, eine fast durchsichtige weiße Bluse, halterlose Strümpfe und Pumps mit hohen Absätzen. Ihre offenen Haare fielen locker über die Schultern. Thomas war sprachlos – war das wirklich seine zurückhaltende Verkäuferin? „Guten Morgen, Chef!“ sagte sie strahlend. Er brachte nur ein gestammeltes „Guten Morgen, Katrin. Sie sehen… toll aus“ heraus. Sie lächelte, strich sich über die Hüften und sagte: „Habe ich mir letzte Woche gekauft. Man muss es ja mal tragen.“ Mit einem kleinen Lachen verschwand sie ins Lager.
Thomas konnte sich kaum auf seine Arbeit konzentrieren. Als Katrin eine Kundin beriet und sich hinkniete, um ihr Schuhe anzupassen, stellte sie den Stuhl so, dass Thomas einen ungewohnten Blick auf sie hatte. Ihr Rock rutschte leicht hoch, und er bemerkte die halterlosen Strümpfe. Er versuchte, sich auf seine Arbeit zu fokussieren, doch seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Als Katrin nach dem Verkauf die Hose leicht hochzog und sich streckte, war Thomas völlig aus dem Konzept. „Na, Chef, nicht ganz bei der Sache?“ fragte sie mit einem freundlichen Lächeln. „Ähm, nein, war gerade nicht konzentriert“, murmelte er. Sie lachte und ging weiter, während er sich fragte, ob sie seine Reaktion bemerkt hatte.
Am Abend lag Thomas allein im Bett – Laura war wieder nicht da. Er konnte nicht schlafen, dachte an Katrins veränderte Art, ihre Eleganz, ihre Ausstrahlung. Er fragte sich, wie es wäre, sie besser kennenzulernen, ihre Gedanken zu erfahren. Gleichzeitig wurde ihm klar, dass seine Beziehung zu Laura vorbei war. Er wollte nicht allein sein, aber er wollte auch niemanden brüskieren, schon gar nicht Katrin, auf deren Arbeit er angewiesen war.
Am nächsten Morgen verschlief Thomas und eilte ins Geschäft, wo eine wichtige Lieferung wartete. Der Lieferant hatte bereits einen Zettel hinterlassen – er war zu spät. Katrin hatte an diesem Tag frei, aber die Lieferung war größer als erwartet, da Thomas einen Fehler bei der Bestellung gemacht hatte. Er rief Katrin an, entschuldigte sich und fragte, ob sie abends helfen könne. „Ich habe ein Treffen mit einer Freundin, aber ich kann um 20 Uhr da sein“, sagte sie. Thomas war erleichtert – auf Katrin war Verlass.
Pünktlich um 20 Uhr klopfte es an der Glastür. Katrin stand vor ihm, strahlend wie nie zuvor. Sie trug wieder den Faltenrock, die durchsichtige Bluse, halterlose Strümpfe und Pumps. Ihr Parfum betörte ihn, und ihre offenen Haare unterstrichen ihre Ausstrahlung. „Also, Thomas, lassen wir’s angehen“, sagte sie mit einem Lächeln. Er war sprachlos, bemerkte ihre selbstbewusste Art und fragte stammelnd: „Wie wollen Sie denn so… mit Rock und Pumps… die Ware im Lager…?“ Sie lachte. „Das kriegen wir schon hin.“ Sie ging ins Lager, und Thomas folgte ihr, bemüht, seine Nervosität zu verbergen.
Im Lager stieg Katrin trotz ihrer Pumps auf eine Leiter, um Kartons einzuräumen. Ihr Rock rutschte leicht hoch, und Thomas konnte nicht anders, als ihre eleganten Bewegungen zu bewundern. „Wollen Sie von der Leiter fallen?“ fragte er besorgt. „Haben Sie Angst um mich?“ erwiderte sie neckend. „Ehrlich gesagt, ja. Ich brauche Sie doch im Laden“, sagte er. Sie stieg grazil herab, zog die Schuhe aus und lächelte: „Besser so?“ Thomas war überwältigt von ihrer Leichtigkeit und half ihr, die Ware einzuräumen.
Nach getaner Arbeit sagte Katrin: „Ich würde gern ein paar neue Modelle anprobieren. Darf ich?“ „Natürlich“, antwortete Thomas. Sie setzte sich auf einen Stuhl, der nun in einem nicht einsehbaren Bereich des Ladens stand, und probierte Schuhe an. „Wie finden Sie den?“ fragte sie und streckte ihr Bein in seine Richtung. Der Rock rutschte leicht hoch, und Thomas konnte kaum antworten. „Er… steht Ihnen ausgezeichnet“, brachte er heraus. Sie lächelte, als hätte sie seine Verlegenheit bemerkt, und zog die Schuhe an, wobei ihre Bewegungen anmutig und selbstbewusst wirkten.
Als sie einen Schuh auszog und sagte: „Der drückt ein wenig“, kniete Thomas sich vor sie, um ihren Fuß zu betrachten. „Wo schmerzt es?“ fragte er und strich sanft über ihren Fuß. Die Berührung fühlte sich vertraut an, und sein Herz schlug schneller. Katrin sah ihn an, ihre Augen funkelten. „Hab ich das verursacht?“ fragte sie kess und deutete auf seine sichtbare Nervosität. Thomas atmete tief durch. „Katrin, was machst du mit mir? Du machst mich ganz verrückt. Ich weiß nicht, ob du spielst oder… und dann gehst du heim, und ich bleibe allein zurück.“ Es war heraus.
Katrin sah ihn ernst an. „Ich spiele nicht, Thomas. Ich warte schon lange darauf, dass du es merkst. Ich habe keinen Freund – seit über einem Jahr nicht. Und ich wollte schon länger, dass wir… näherkommen. Ich wusste von Laura, aber ich habe gesehen, wie sie dich behandelt. Sie betrügt dich mit meinem Onkel, einem Professor an der Uni. Ich habe sie zusammen gesehen, Möbel kaufend. Sie planen, zusammenzuziehen. Es tut mir leid, dass du es so erfährst.“
Thomas schluckte. Er hatte es geahnt, aber die Wahrheit traf ihn dennoch. „Ich wusste, dass mit Laura etwas nicht stimmt. Sie ist mir egal. Ich glaube, ich habe etwas viel Besseres gefunden.“ Er legte seinen Kopf auf ihre Knie, und sie strich ihm sanft durchs Haar. Sie lächelten sich an, und eine stille Übereinkunft entstand. „Komm, lass uns nach hinten gehen“, sagte Katrin und nahm seine Hand.
Im Aufenthaltsraum umarmten sie sich, lachten und tauschten Geschichten aus. Die Spannung löste sich in einer herzlichen Vertrautheit. Thomas fühlte sich bei Katrin wohl, wie schon lange nicht mehr. „Willst du hierbleiben oder mit zu mir kommen?“ fragte sie. „Gibt’s da was zu überlegen?“ antwortete er mit einem Grinsen. Zuerst fuhren sie zu seiner Wohnung, wo er einen Brief für Laura hinterließ: „Bitte werde glücklich mit deinem Professor und hole deine Sachen. Für mich bist du Vergangenheit.“ Am nächsten Morgen fand Laura den Brief, war verzweifelt, aber erkannte, dass ihre Zeit mit Thomas vorbei war. Sie packte ihre Sachen und verließ die Wohnung.
Thomas und Katrin verbrachten die Nacht zusammen, redeten bis spät und fühlten sich wie ein Team. Zwei Wochen später zogen sie in Thomas’ Wohnung. Von Laura hörten sie nie wieder.
